Mit dem LƤuten der Kirchenglocken wurden wir morgens um 6 Uhr geweckt und begaben uns um 6:30 Uhr zur Vigil (āNachtwacheā, Morgengebet) und Laudes (Lob Gottes) in die Kirche. Das frühe Aufstehen und Zusammenkommen in der Kirche vor dem Frühstück wurde von mir bereits ab dem zweiten Tag als normal empfunden, hat mir eine gewisse Orientierung verliehen und dazu beigetragen, bereits früh am Morgen produktiv sein zu wollen. Nach dem Morgengebet habe ich mich erfrischt und aufgeweckt gefühlt, was ich anfangs nicht erwartet hƤtte. Dank der das Kloster umringenden lƤndlichen, idyllischen Umgebung war es uns mƶglich, dem stressigen Alltag in stƤdtischer, meist von LƤrm durchzogenen (schulischen) Umgebung zu entfliehen und etwas zur Ruhe zu kommen.
Nach dem Frühstück folgte eine ca. zweistündige Arbeitsschicht, die unter anderem aus Kaminholzaufstapeln, meditativem (!) Fugenkratzen und Unkrautjäten bestand, wonach um 11:45 Uhr, vor dem Mittagessen, gemeinsam das Mittagsgebet abgehalten wurde. Die Gebete zeichneten sich insgesamt zwar durch einige Momente des Schweigens aus, was jedoch meines Erachtens nach dem Innehalten und Insichgehen gutgetan hat und wodurch ich auch das zuvor Gelesene, Gesungene und Gehörte, wie beispielsweise die Psalmen und Lesungen, besser verarbeiten konnte.
Bis 17:30 Uhr, als die Vesper (Abendgebet) und Eucharistiefeier stattfand, gingen wir erneut unseren zugeteilten BeschƤftigungen nach, entweder im Garten, Wald oder Jugendhaus, wo wir den Gedanken freien Lauf ā und je nach Arbeitsort auch die Natur auf uns wirken lassen konnten.
Den durch die Gebetszeiten vorgegebenen strukturierten Tagesablauf habe ich persƶnlich als sehr angenehm und Halt gebend empfunden, da weniger Zeit damit verbracht werden musste, darüber nachzudenken, was für den Tag ansteht und es uns so mƶglich war, sich auf sich selbst und die Umgebung zu fokussieren und im Moment zu leben. Unter anderem führte ich beispielsweise eine Art āScreen Detoxā, wodurch ich für den GroĆteil der Zeit digitale Unerreichbarkeit genoss, was mir rückblickend betrachtet gutgetan hat, um auch Stress abzubauen und die schulischen Pflichten für diese Woche etwas beiseite zu legen.
Aktuell wohnen 19 Mƶnche im Alter von 34 bis 92 Jahren im Kloster Nütschau. Zweien von ihnen, Bruder Bonifatius und dem Prior, Bruder Johannes, durften wir persƶnlich begegnen und ihnen Fragen aller Art stellen. Nicht erwartet hƤtte ich, dass sie so herzlich und offen uns gegenüber waren und sich auch den einen oder anderen SpaĆ mit uns erlaubt haben. Was mir auĆerdem besonders gefallen hat, war die positive Ausstrahlung der Mƶnche. Sie alle vermittelten den Eindruck von purer Lebensfreude und vollster Zufriedenheit und schienen eins mit ihrer Berufung (ā Beruf) zu sein, was schƶn anzusehen war.
Highlight für uns war es auĆerdem zu erfahren, dass den Mƶnchen auf dem Klostergrundstück ein Pool zur Verfügung steht (den wir natürlich ausgetestet haben) und dass der Prior besser Tischkicker spielt als wir und sich von uns überreden lieĆ, nach der Komplet (Schlussgebet) um 21:15 Uhr noch ein Krƶkelturnier mit uns zu veranstalten, das er im Ćbrigen gewonnen hat.
Was ich mir darüber hinaus durch den Kontakt mit der Schülergruppe für die Zukunft angeeignet habe, ist das abendliche Meditieren, welches wir gemeinsam im āRaum der Stilleā abhielten. Das hat mich dazu motiviert, mir auch mal Zeit und vor allem Ruhe für mich selbst zu nehmen, um den vergangenen Tag zu rekapitulieren und vor dem Zubettgehen zu entspannen und loszulassen.
Zusammenfassend kann ich feststellen, dass sich die zu Anfang aufgezƤhlten Klischees, die über Mƶnche und Klƶster kursieren, keineswegs bestƤtigen lieĆen. Das Angebot āKloster auf Zeitā, das auch als āKloster Auszeitā bezeichnet werden kann, habe ich persƶnlich sehr genossen und empfehle es jedem und jeder weiter – allein schon aus dem Grund, die Mƶglichkeit zu erhalten, sich mit einer neuen, womƶglich noch fremden Lebensweise auseinandersetzen zu kƶnnen und diese, in religiƶser Ausdrucksweise, am eigenen Leibe zu erfahren.
AmƩlie, Jg. 12